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Überforderte Fernsehzuschauer

7. September 2009

Die Fernsehzuschauer in Deutschland sind überfordert: Digitalisierung, HDTV und neue Funktionen der TV-Geräte verlangen von den normalen Fernsehzuschauern zu viel. Ein Mangel an Informationen sowie eine wachsende Komplexität werden letztlich vom Problem der Zuschauer zum Problem der Sender, Netzbetreiber und Gerätehersteller.

Zur gerade in Berlin stattfindenden Internationalen Funkausstellung (IFA) wird in den Massenmedien viel über Neuheiten und die Zukunft des Fernsehens berichtet. Von einfachen Basisinformationen bis hin zu Gedankenspielen über die Geschäftsmodelle der Zukunft ist das Leitmedium aktuell ein großes Thema. Mit dem Ende der Messe wird das Thema aus dem breiten öffentlichen Bewusstsein wieder in die Fachmagazine, Fachblogs und Foren im Internet verschwinden. Das reicht jedoch nicht, um gerade die vielen Menschen zu erreichen, die noch nicht ausreichend über die anstehenden Veränderungen und neuen Möglichkeiten unterrichtet sind. Ist es nicht erstaunlich, dass besonders im Medium Fernsehen selbst die Veränderungen so selten thematisiert werden, wenn nicht gerade passende Events wie die IFA oder die Leichtathletik-WM stattfinden?

“Die privaten Fernsehsender Deutschlands investieren in die digitale Zukunft und stellen sich den Herausforderungen der konvergenten Medienwelt”, sagte etwa der Präsident des Verbandes Privater Rundfunk und Telemedien e. V. (VPRT), Jürgen Doetz, auf einer Veranstaltung im Rahmen der IFA in Berlin. “Ob im Internet oder mit neuen HDTV-Programmen: Die privaten Medienunternehmen bieten unterhaltende und informative Angebote sowohl für Couch-Potatoes als auch für die aktiven Mediennutzer. Nun kommt es vor allem darauf an, die Menschen vom Mehrwert der neuen Angebote zu überzeugen und den Markt wirtschaftlich tragfähig zu entwickeln.”

Dem lässt sich zustimmen. Für die Privatsender kommt es darauf an, dass die Fernsehzuschauer bei den Veränderungen bald mitziehen, damit sich die Investitionen rechnen. Die verschiedenen Übertragungswege und Plattformen, über die TV-Inhalte zu den Konsumenten gelangen können, bedeuten eine große Herausforderung für die privaten TV-Veranstalter. Sie wollen auf möglichst allen Plattformen und Arten von Endgeräten präsent sein, doch das verursacht hohe Kosten, die schon ohne Werbeflaute infolge der Wirtschaftskrise nicht leicht zu stemmen wären.

In einer aktuellen Presseinformation fordert der Verband Privater Rundfunk und Telemedien e. V. (VPRT): “Die Digitalisierung müsse von der Politik endlich als insgesamt volkwirtschaftlich wichtiger Konjunkturtreiber verstanden werden. Es sei nicht nachvollziehbar, warum die Politik auf breiter Front und mit hohem Finanzeinsatz die Breitbandversorgung fördere, die Digitalisierung des Rundfunks mit den Chancen und Herausforderungen jedoch kaum zur Kenntnis nehme. Der Gesetzgeber müsse die Rahmenbedingungen der privaten Medienunternehmen mit dem Ziel einer liberalen und fairen Medienordnung überarbeiten. Die Ausstattung der Haushalte mit zukunftsfähigem, digitalem Empfangsequipment sowie der Umstieg der noch analogen auf die digitale Rundfunkübertragung müsse – auch finanziell – unterstützt werden. Hierzu könnten Mittel aus dem Konjunkturprogramm ebenso eingesetzt werden, wie die im Rahmen der Versteigerung der Rundfunkfrequenzen zu erwartenden Erlöse.”

So verständlich der Wunsch nach finanzieller Unterstützung ist, so stellt sich doch die Frage, ob nicht ganz woanders angesetzt werden müsste, um die Digitalisierung zum Konjunkturtreiber zu machen. Immerhin betont der VPRT selbst, dass die Verbraucher besser informiert werden müssen, um die Digitalisierung zu einem Erfolg werden zu lassen: “Der Verbraucher werde zu oft mit ‘HDready’- und ‘FullHD’-Aufklebern auf neuen Fernsehgeräten bei seiner derzeit anstehenden Kaufentscheidung für das ‘digitale Wohnzimmer’ allein gelassen. Es sei ihm nicht zuzumuten, sich ohne begleitende Informationen – beispielsweise über Art, Umfang und Empfangsbedingungen des neuen ASTRA-Angebotes ‘HD+’, über das demnächst u. a. RTL, VOX, ProSieben und SAT.1 in HD-Qualität zu sehen sein werden, oder das HDTV-Angebot von Sky im Dickicht aus Technologien und Standards zurechtzufinden. So glaubten etwa viele Besitzer eines Flachbildschirmes mit dem HDready-Zeichen, dass sie auch ohne Box HDTV-Programme empfangen können”, schreibt der VPRT. Das deckt sich mit der Aussage des BITKOM vom Juli, wonach die meisten Fernsehzuschauer nicht wüssten, dass sie zum HD-Empfang einen HD-Empfänger benötigen. “Hier sind wir gemeinsam mit den Geräteherstellern und im besten Falle auch gemeinsam mit dem Handel und den Verbraucherschützern gefordert, die Zuschauer sicher in die digitale Welt zu begleiten”, erklärte Doetz.

Noch weniger traut man dem durchschnittlichen Fernsehzuschauer beim Institut SirValUse zu, wo man sich mit Nutzenforschung, Nutzererfahrungen (User Centred Experience) und Bedienbarkeit (Usability) beschäftigt: “Die neue Technikwelt wird das Leben einfacher machen. Das sieht zumindest auf Präsentationsflächen und Produktbroschüren so aus. Glänzendes Design, tolle neue Funktionen und alles miteinander vernetzt. Doch daheim sorgen die teuren Neukäufe oft für Frust – denn häufig wird eines von den Herstellern vernachlässigt: die Benutzer- und Bedienfreundlichkeit”, schrieb SirValUse im Vorfeld der IFA letzte Woche in einer Pressemitteilung.

“Hersteller bauen als Verkaufsargument immer noch mehr Funktionen in immer kleinere Geräte ein. Für die Zukunft ist es eher ein Irrglaube, dass sich ein Gerät besser verkauft, wenn es möglichst viele Funktionen abdeckt. Wie soll man damit noch klar kommen? Die Entwicklung liegt in den Händen von Ingenieuren und die sind Experten. Man bezieht die späteren Nutzer nicht mit ein. Am Ende hapert es dann überall”, bemängelt Tim Bosenick, Nutzenforscher und Managing Director von SirValUse Consulting. “Es hat sich gezeigt, dass viele Nutzer diese komplexen Geräte nur mit sehr viel Mühe oder gar nicht mehr bedienen können. Oder sie wissen gar nicht, was für Funktionen ihr neu erstandenes Gerät überhaupt hat.”

Das ist nicht bloß ein Problem der Gerätehersteller. Wenn die Zuschauer ihre modernen Geräte nicht bedienen können, nutzen sie die neuen Dienste bzw. Empfangswege für TV-Inhalte nicht. Ich bin fest davon überzeugt: Es hat viel mit der Bedienbarkeit der Technik zu tun, dass nur 15 der 960 von der AGF/GfK-Fernsehforschung erfassten Fernsehsender mehr als 10 Minuten pro Monat eingeschaltet werden.

Geld vom Staat und damit von den Steuerzahlern würde daher nur sehr begrenzt helfen, die Entwicklung des Fernsehens voranzubringen. Bei großen Teilen der Bevölkerung besteht noch ein großer Informationsbedarf zum Umstieg vom analogen zum digitalen Fernsehen. Am meisten Bewegung bringen würde ein baldiger Abschalttermin für analoges Fernsehen, wie er aus den Reihen der VPRT-Mitglieder ja gewünscht wird. Der Abschalttermin würde Handlungsdruck erzeugen und so einen großen Prozess in Gang setzen.

Auf der anderen Seite sind die TV-Anbieter selbst in der Pflicht: HDTV kommt in kleinen Schritten, das könnte schneller gehen. Nicht zuletzt sorgen einige große TV-Sender selbst für Verwirrung und Unmut mit Plänen für Grundverschlüssung, Aufnahmesperre und Kopierschutz.

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Kategorie: Digitales Fernsehen, HD-TV

5 Kommentare zum Thema Überforderte Fernsehzuschauer

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