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Streit um App der Tagesschau erreicht neue Stufe

Die Welle der Kritik an der geplanten iPhone App der Tagesschau hat eine neue Qualität erreicht: Inzwischen wird nicht mehr nur über die Software für die Smartphones von Apple gestritten, mit der die öffentlich-rechtlichen, durch Gebühren finanzierten Nachrichten noch bequemer zu nutzen sein sollen. Das durch Gebühren finanzierte öffentlich-rechtliche System an sich steht in der Kritik.

Kurz vor Weihnachten erhob sich seitens der Verlage und Verbände (VDZ, BDVZ, VPRT...) eine ungewohnt einige und deutliche Kritik an dem Vorhaben der ARD, im neuen Jahr eine App für die Tagesschau kostenlos anzubieten. Sicher, die Verlage experimentieren gerade selbst mit Paid Content auf Basis von Apps, doch die Inhalte, um die es geht, sind schon lange über viele Handys und Smartphones (selbstverständlich auch das iPhone) abrufbar. Nur eben nicht als App. In der Sache geht es damit um so gut wie nichts, könnte man meinen.

Wer weiß, ob die Ankündigung der App der Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen brachte, oder ob sich die privaten Medien in der an Nachrichten recht armen Zeit um Weihnachten einen günstigen Zeitpunkt ausgesucht haben, um ARD und ZDF an sich anzugreifen. Wenig später meldeten sich schon einige Politiker zu Wort. Durch Anfang des Monats bekannt gewordene Überlegungen, bald volle GEZ-Gebühren für neuartige Rundfunkempfangsgeräte wie Computer zu verlangen, war die öffentliche Meinung zu zwangsweise erhobenen Gebühren ohnehin schon aufgeheizt.

Der Bild-Zeitung war das Thema Rundfunkgebühren heute sogar der Platz auf der Titelseite wert: "Der Irrsinn mit unseren TV-Gebühren" stand in fetten Lettern auf der Titelseite der Printausgabe. Online ließ man die Leser gleich über das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem an sich abstimmen. Ergebnis derzeit: Mehr als 70 % der Nutzer haben sich laut Zähler für eine Abschaffung der Zwangsgebühren ausgesprochen.

Nun ja, es kommt immer darauf an, wonach man fragt. Würde man fragen, ob in Deutschland die Steuern abgeschafft werden sollten, würde das Ergebnis wohl ähnlich ausfallen. Über die Motive und den Stil der Bild-Zeitung ließe sich einiges sagen, doch dass mit den Gebühren-Milliarden nicht nur die Grundversorgung der Bevölkerung finanziert wird, steht außer Zweifel. In ihrer Rechnung kommt die Bild auf 23 Fernsehsender und (inklusive reiner Online-Kanäle) 165 Radioprogramme, die über die Rundfunkgebühren von jedem Besitzer eines Empfangsgeräts mitfinanziert werden.

So bekämen die Zuschauer immer mehr Kanäle, die sie nicht bräuchten. Andererseits seien die Angebote der öffentlich-rechtlichen Sender (Beispiel Vorabendprogramm auf Das Erste) denen der Privaten inzwischen zu ähnlich geworden. Sachlicher und informativer behandelt ein lesenswerter Artikel auf Spiegel Online das Thema, wobei der Aufhänger eine mögliche Klage des Verbands Privater Rundfunk und Telemedien e. V. (VPRT) in Brüssel ist. Immerhin fühlen sich die privaten Anbieter von den vermeintlich kostenlosen Angeboten von ARD und ZDF bedroht. Sehr schön sind diese zwei Sätze: "Letztlich sind ARD und ZDF Pay-TV-Sender, die man nicht freiwillig abonniert und auch nicht kündigen kann. Und solange in den Anstalten die regierenden Parteien mitreden, bei Finanzierung und Aufsicht das Sagen haben, kann von Staatsferne auch nicht mehr ernstlich die Rede sein."

Obwohl ich die hohe Qualität im Bereich Information bei den öffentlich-rechtlichen Sendern sehr schätze, bin ich dafür, das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem grundsätzlich zu hinterfragen. Das Stichwort Pay-TV-Sender ist mir da sehr willkommen, in zweierlei Hinsicht: Der Umstand, dass die öffentlich-rechtlichen Programme nicht vom Quotendruck getrieben werden, ermöglicht überhaupt erst diese Qualität. Sicher wäre die Qualität der privaten Free-TV-Sender höher, gäbe es nicht das große Angebot bei ARD und ZDF. Der private Nachrichtensender N24 etwa (um ein aktuelles Thema aufzugreifen) hätte dann mit Sicherheit keinen so ungünstigen Stand. Aber letztlich muss privates Free-TV auf hohe Zuschauerzahlen setzen, denn mehr Zuschauer bedeuten mehr Werbeeinnahmen. Beim Pay-TV besteht dieser Quotendruck nicht; eine gewisse Zahl an Fernsehzuschauern muss sich für ein Angebot natürlich schon interessieren, aber ein Programm nahezu ohne Zuschauer ergibt sowieso keinen Sinn. Gar keine Gebühren für Radio und Fernsehen mehr wären aus meiner Sicht daher nicht wünschenswert. Letztlich entscheidet zudem immer derjenige, der bezahlt. Im Interesse der Zuschauer sollten das die Zuschauer sein, besonders wenn es um Informationen geht!

Gerade das in Deutschland besonders große Angebot an Free-TV-Sendern wird regelmäßig als einer der Hauptgründe für die niedrige Akzeptanz von Pay-TV wie Sky und Kabel Digital Home angeführt, was ich sehr überzeugend finde. Die Zuschauer bekommen nicht nur schon so viele Sender ohne zusätzliche (!) Gebühren, sie zahlen auch schon an die GEZ. Nochmals zahlen wollen viele Fernsehzuschauer nicht. Mit einem generellen Werbeverbot für ARD und ZDF, wie es seit Jahren immer wieder mal gefordert wird, wäre das Problem insofern nicht gelöst. Und die kommerziellen Free-TV-Sender würden in jedem Fall weiter unter den Marktanteilen der öffentlich-rechtlichen Sender leiden. Nicht wenige Fernsehzuschauer schalten Sender wie RTL oder Sat.1 schon deshalb nicht ein, weil es da so viel Werbung gibt, während das Abendprogramm der öffentlich-rechtlichen Kanäle schon immer werbefrei ist.

Das Neue ist jetzt, dass nicht mehr nur die privaten TV-Sender und Radiosender die öffentlich-rechtliche Konkurrenz spüren, sondern durch die Online-Angebote von ARD und ZDF sich die Zeitungsverlage nun ebenfalls in einer Konkurrenzsituation wiederfinden. Beschränkungen der Online-Aktivitäten von ARD und ZDF sind meiner Meinung nach jedoch absolut nicht zukunftsweisend, weil die Grenzen zwischen den Mediengattungen immer weiter verschwimmen. Gut auf den Punkt bringt das übrigens Nico Lumma in seinem Blog.

Sollte man ARD und ZDF also komplett abschaffen oder bald privatisieren? Als Ausgangspunkt für grundsätzliche Überlegungen mag das interessant sein, aber realistisch erscheint das nicht. Eine grundsätzliche Diskussion darüber, was eigentlich die Aufgaben von ARD und ZDF in der zukünftigen Medienwelt sein sollen und in welchem Umfang Inhalte erstellt und verbreitet werden sollen, ist allerdings fällig. Am Ende könnte sogar eine höhere Akzeptanz für Rundfunkgebühren herauskommen.

Kommentare

  1. TV-Inhalte im Internet als Video-on-Demand jederzeit online sehen | Der Kabel Blog

    [...] öffentlich-rechtliche Fernsehsender haben sich stark bei ihren Mediatheken engagiert; die Tagesschau soll sogar eine eigene App für das iPhone bekommen. Das Angebot an kostenlosen Videos mit TV-Inhalten ist stark [...]

  2. Kostenlos Filme anschauen. Bild bringt Spielfilme gratis ins Netz | Der Kabel Blog

    [...] die Grenzen zwischen den Mediengattungen verschwimmen zusehends! Eine Boulevardzeitung, die ihre starke Marke und hohe Reichweite für eine [...]





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