16. January 2012 - 08:55 Uhr
Einer aktuellen Untersuchung zufolge haben herkömmliche Fernseher ihre besten Zeiten längst hinter sich. Die Zukunft gehöre hybridem Breitband-TV, vernetzten Geräten mit Anschluss an das Internet.
Bis jetzt nutzt die große Mehrheit der Zuschauer das Medium Fernsehen ganz traditionell, aber eine schnell wachsende Zahl von Menschen hat bereits die Vorzüge von Smart TV für sich entdeckt. Das enorme Interesse an Online-Videos führt in manchen Ländern schon zu einer geringeren Nutzung des Fernsehers. Das könnte jedoch eine bloß vorübergehende Entwicklung sein, wenn sich internetfähige TV-Geräte durchsetzen.
"Der Kampf um den Zuschauer hat sich auf das Internet ausgeweitet. Die Menschen verbringen viel Zeit online, an vernetzten Geräten, die in vielen Situationen die klassische Mattscheibe ersetzen", beschreibt Prof. Dr. Nikolaus Mohr, Geschäftsführer im Bereich Communications, Media & Technology bei Accenture, die Situation. Das Beratungs- und Dienstleistungsunternehmen Accenture hat mehrere internationale Studien zu diesen Themen durchgeführt.
Online-Videos werden stärker genutzt
Laut Accenture-Report "Always On, Always Connected" stieg in Deutschland der Anteil derer, die sich Videos und TV-Sendungen am Computer ansehen, zwischen 2009 und 2011 von 17 auf 26 Prozent. In Durchschnitt der zehn untersuchten Länder liegt dieser Anteil schon bei 33 Prozent. Um Fernsehsendungen und Filme anzusehen, schalteten 2011 in Frankreich 20 Prozent der Nutzer weniger als noch 2009 ihren Fernseher ein, in den USA war die TV-Nutzung sogar bei 40 Prozent der Zuschauer rückläufig.
Zunächst war nur der Computer eine Konkurrenz für den Fernseher, doch jeder Zehnte nutzte letztes Jahr ein Smartphone zum Ansehen dieser Bewegtbildinhalte. Besonders oft verwenden Besitzer von Tablet-Computern dieses mobile Endgerät zum Konsum von Bewegtbildinhalten: Laut Accenture-Studie "Mobile Web Watch 2011" sehen sich 40 Prozent der Tablet-Besitzer in Deutschland darauf Serien und Filme an. "Das klassische Fernsehen hat sein Monopol für Unterhaltung und Information in bewegten Bildern verloren. Over-the-top-TV-Angebote drängen mit Macht auf den Markt", sagt Nikolaus Mohr.
Offenheit als Erfolgsfaktor
Ein entscheidender Faktor bei dieser Entwicklung ist die Unabhängigkeit von bestimmten Endgeräten oder Plattformen, also eine gewisse Offenheit, ist man bei Accenture überzeugt: "Beim "Over-the-top-TV" (OTT-TV) können Zuschauer Videos und Sendungen im Prinzip auf jedem internetfähigen Endgerät empfangen, ohne Settop-Boxen und andere dazwischengeschaltete Geräte", heißt es im Pressetext. Als Beispiele werden Mediatheken von Fernsehsendern sowie YouTube und tape.tv genannt, denn deren Inhalte sind auf einer Vielzahl von Endgeräten zugänglich. Diese Unabhängigkeit von proprietärer Technik mahnen übrigens auch die Experten von goetzpartners in ihrer IPTV-Studie an.
"Die Zukunft ist hybrides Breitbandfernsehen", glaubt Nikolaus Mohr, "also ein Angebot, das Inhalt und Elemente des klassischen Programmfernsehens mit Bewegtbild-Content aus dem Web verbindet. Das gilt sowohl für etablierte Sender, Gerätehersteller und Kabelanbieter als auch für Internetfirmen, Telekommunikationsanbieter und Medienunternehmen, die in den TV-Markt einsteigen wollen."
Weniger DVDs und Pay-TV
Die Studie "Always On, Always Connected" benennt DVD-Verkäufer und -Verleiher sowie Anbieter von Pay-TV über Kabel und Satellit als Leidtragende dieses Trends. Fast jeder dritte (32 Prozent) User der genannten Online-Unterhaltungsangebote kauft und leiht sich nur noch selten oder gar nicht mehr Filme auf DVD. 12 Prozent erwägen die Kündigung ihres TV-Abos bzw. haben es schon getan. OTT-TV-Anbieter wie Hulu in den USA profitieren dagegen.
Soll der Fernseher für die Konsumenten interessant bleiben, darf er nicht so bleiben, wie er ist. Für ihren nächsten Fernseher ist 42 Prozent der Befragten HD-Auflösung wichtig, jeweils 25 Prozent wünschen sich 3D-Fähigkeiten und Internetfunktionen. "Die Zeit, in der Hersteller von Fernsehgeräten nur schicke Designer-Möbelstücke produziert haben, sind längst vorbei. Ein TV-Gerät, das keinen Zugang zu bewegten Bildern und weiteren Inhalten aus dem Internet und dem dazugehörigen Ökosystem ermöglicht, hat keine Zukunft", sagt Nikolaus Mohr.
Dafür, dass die ersten internetfähigen Fernseher erst vor ein paar Jahren auf den Markt kamen, sind 25 Prozent ein hoher Wert. Die meisten Verbraucher hatten vermutlich bislang noch gar keine Gelegenheit dazu, Internetfunktionen auf einem Fernseher auszuprobieren. Viele interessante Funktionen sind bei aktuellen Modellen allerdings noch nicht einfach genug zu nutzen. Nicht nur der Fernseher muss sich verändern, alternative Bedienkonzepte sind gefragt, die klassische TV-Fernbedienung reicht schon für die heutigen Möglichkeiten eines Smart TVs nicht aus.
Zuletzt zeigen solche Untersuchungen, wie wichtig der Ausbau der Internet-Infrastruktur ist. Hybrides Breitband-TV setzt die Verfügbarkeit von Breitbandinternet voraus. Mit dem derzeitigen Minimalwert von 2 MBit/s kommt man hier aber nicht weit. Ein herkömmlicher DSL-Anschluss ist für Haushalte, die von den neuen Möglichkeiten intensiv Gebrauch machen, oft schon zu langsam. VDSL oder Kabelinternet sind derzeit die Alternativen, auf lange Sicht werden Glasfaseranschlüsse, die bis in die Wohnungen reichen, benötigt.
Foto links oben: Neben eine Mülltonne gestellter Fernseher (fotografiert von Oliver Springer)