Wie das Kabelfernsehen nach Deutschland kam

Seit wann es Kabelfernsehen gibt, warum es mit dem Privatfernsehen groß wurde und wie aus dem Netz der Bundespost die Netze von Vodafone und PYUR wurden.

Stand:

Kabelfernsehen gibt es in Deutschland in seiner heutigen Form seit dem 1. Januar 1984. An diesem Tag startete in Ludwigshafen am Rhein das erste Kabelpilotprojekt, und mit ihm das erste private Fernsehprogramm. Ohne das Kabel wäre das Privatfernsehen in Westdeutschland kaum so schnell entstanden. Die Geschichte reicht aber weiter zurück, und sie ist bis heute nicht zu Ende.

Die Zeitleiste

JahrEreignis
1930er„Fernseh-Drahtfunk“ in Berlin, später Hamburg, versorgt Fernsehstuben per Leitung
1960erGemeinschafts- und Großantennen verteilen das Programm in Wohnblocks
1972Die Bundespost beginnt mit Kabelversuchsnetzen für Orte mit schlechtem Antennenempfang
1. Januar 1984Kabelpilotprojekt Ludwigshafen startet, mit PKS als erstem werbefinanziertem Privatsender
1984 bis 1985Weitere Pilotprojekte in München (ab April 1984), Dortmund und West-Berlin (beide 1985)
1984 bis 1990Die Bundespost baut das Kabelnetz flächendeckend aus; Ende 1990 haben 8,1 Millionen Haushalte Kabel
199515,8 Millionen Kabelhaushalte
2000 bis 2003Die Telekom verkauft ihr Kabelnetz in regionalen Teilen, unter anderem an Kabel Deutschland, ish, iesy und Kabel BW
2006Erste HDTV-Sender im Kabel, zunächst im Pay-TV
2007Aus ish und iesy wird Unitymedia
2013Vodafone übernimmt Kabel Deutschland
2017Tele Columbus tritt als PYUR auf
2019Vodafone übernimmt Unitymedia (samt Kabel BW); die analoge Verbreitung endet
2022 bis 2026Vodafone vereinheitlicht die TV-Frequenzen bundesweit
1. Juli 2024Das Nebenkostenprivileg endet, Mieter wählen ihren TV-Empfang selbst

Die Anfänge: Drahtfunk und Gemeinschaftsantennen

Schon Mitte der 1930er Jahre liefen in Berlin Fernsehbilder über Leitungen in öffentliche Fernsehstuben. Der Grund war die Bildqualität: Über Kabel kam ein stabileres Bild an als über die Antenne. Nach dem Krieg setzte sich aber die Antenne auf dem Dach durch, und das Kabel geriet in Vergessenheit.

Es kam über einen Umweg zurück. In den 1960er Jahren bekamen große Wohnanlagen Gemeinschaftsantennen, deren Signal über Leitungen in jede Wohnung lief. Technisch war das bereits ein kleines Kabelnetz. Ab 1972 testete die Bundespost eigene Kabelnetze in Orten, in denen Berge oder Hochhäuser den Antennenempfang störten.

1984: Ludwigshafen und die Kabelpilotprojekte

Den Durchbruch brachte die Medienpolitik. Die Bundesregierung wollte privaten Rundfunk zulassen, aber über Antenne war kein Platz für neue Sender. Das Kabel bot viele Kanäle. Also startete am 1. Januar 1984 in Ludwigshafen und der Vorderpfalz das erste von vier Kabelpilotprojekten.

Gleich am ersten Tag sendete die Programmgesellschaft für Kabel- und Satellitenrundfunk (PKS), aus der später Sat.1 wurde. Sie war der erste Privatsender in Deutschland, der sich über Werbung finanzierte. RTL plus kam im August 1985 hinzu. Im März 1984 hingen erst rund 2.600 Haushalte am Ludwigshafener Netz, bei Projektende 1986 waren es über 78.000.

Parallel liefen Pilotprojekte in München (ab April 1984), Dortmund (ab Juni 1985) und West-Berlin (ab August 1985). Das Berliner Projekt war mit Abstand das größte: Schon zum Start waren dort über 200.000 Haushalte angeschlossen.

Der große Ausbau durch die Bundespost

Noch während die Projekte liefen, ließ Postminister Christian Schwarz-Schilling das Kabelnetz in ganz Westdeutschland ausbauen. 1982 hatten rund 2 Prozent der Haushalte Kabel, Ende 1990 waren es 31,5 Prozent, also 8,1 Millionen Haushalte. Bis 1995 verdoppelte sich die Zahl fast auf 15,8 Millionen.

In der DDR hatten Antennengemeinschaften schon Ende der 1970er Jahre eigene Kabelnetze gebaut. Nach der Wende wurden diese Netze modernisiert oder ersetzt, oft von anderen Firmen als der Post. Auch deshalb sind in Ostdeutschland neben Vodafone bis heute PYUR und kleine Betreiber verbreitet.

Die Post baute das Netz so, dass es nur bis an die Grundstücksgrenze reichte. Die Leitungen im Haus gehörten oft dem Eigentümer oder einer Firma, die der Eigentümer beauftragte. Diese Aufteilung in Netzebenen prägt das Kabel bis heute; wie sie funktioniert, erklärt die Seite Netzebenen im Kabelnetz.

Vom Telekom-Netz zu Vodafone und PYUR

Mit der Privatisierung der Post ging das Kabelnetz an die Deutsche Telekom. Unter dem Druck der Wettbewerbshüter verkaufte sie es ab 2000 in regionalen Teilen. Daraus entstanden ish in Nordrhein-Westfalen, iesy in Hessen, Kabel BW in Baden-Württemberg und Kabel Deutschland in den übrigen Ländern. Tele Columbus und primacom kauften vor allem Netze in Ostdeutschland und einzelnen Städten.

Die neuen Eigentümer rüsteten die Netze mit Rückkanal auf. Erst dadurch wurden Kabelinternet und Telefon über das Kabel möglich. Aus einem reinen Fernsehnetz wurde ein Datennetz, das heute über DOCSIS 3.1 bis zu 1 GBit/s liefert.

Danach wurde wieder zusammengelegt. 2007 wurden ish und iesy zu Unitymedia, 2012 kam Kabel BW dazu. 2013 übernahm Vodafone Kabel Deutschland, 2019 auch Unitymedia. Seitdem betreibt Vodafone das größte Kabelnetz des Landes. Tele Columbus und primacom treten seit 2017 unter der Marke PYUR auf. Daneben gibt es Stadtwerke und kleine Betreiber, die eigene Netze haben; einige davon stellt die Seite regionale Kabelanbieter vor.

Digital, HD und das Ende von Analog

Ab den 2000er Jahren lief das Fernsehen im Kabel zusätzlich digital im Standard DVB-C. HD-Sender gab es ab 2006, zunächst im Pay-TV. Lange liefen analoge und digitale Programme parallel, was viel Frequenzplatz kostete. 2018 und 2019 schalteten die Netzbetreiber das analoge Fernsehen ab. Seitdem braucht jeder Fernseher einen DVB-C-Tuner, was bei neueren Geräten Standard ist.

2024: Das Ende des Nebenkostenprivilegs

Jahrzehntelang zahlten Mieter das Kabel über die Nebenkosten, ob sie es nutzten oder nicht. Diese Regel war eine der Säulen, auf denen das Kabelfernsehen stand. Mit der Novelle des Telekommunikationsgesetzes fiel sie zum 1. Juli 2024 weg. Seitdem entscheidet jeder Haushalt selbst, wie er fernsieht, und schließt bei Bedarf einen eigenen Kabelvertrag.

Viele Haushalte sind dabei zu Streaming oder Antenne gewechselt. Laut dem ASTRA TV-Monitor sank der Anteil der Kabelhaushalte von 37,3 Prozent (2024) auf 35,2 Prozent (2025). Das sind immer noch rund 12,4 Millionen Haushalte, und das Kabel bleibt nach dem Satelliten der zweitwichtigste Empfangsweg.

Wie lange gibt es noch Kabelfernsehen?

Ein Abschaltdatum gibt es nicht. Vodafone investiert weiter in das Netz, vereinheitlicht die Frequenzen und hat für die Senderreihenfolge den Standard NorDig-LCN eingeführt. Die Richtung ist trotzdem klar: Ein immer größerer Teil der Kapazität geht an das Internet, und auch das Fernsehen selbst kommt bei Vodafone und anderen zunehmend als Stream über die Box. Und nach dem Reformstaatsvertrag sollen ARD und ZDF ihre Spartenkanäle bis spätestens 2033 nicht mehr linear über Satellit, Kabel und Antenne verbreiten.

Für dich heißt das: Das Kabel an der Dose funktioniert auf absehbare Zeit weiter. Wer heute wählt, wählt aber eher einen Internetanschluss, über den auch das Fernsehen kommt, als einen reinen TV-Anschluss. Wie die Wege im Vergleich aussehen, steht unter Fernsehen über Internet, Kabel, Satellit und Antenne; was Kabelinternet bei dir leistet, zeigt der Tarifvergleich.

Häufige Fragen

Seit wann gibt es Kabelfernsehen in Deutschland?

Erste Leitungsnetze gab es schon in den 1930er Jahren. Das Kabelfernsehen in seiner heutigen Form begann am 1. Januar 1984 mit dem Kabelpilotprojekt in Ludwigshafen.

Welcher war der erste Privatsender im Kabel?

Die PKS, aus der Sat.1 hervorging. Sie sendete ab dem 1. Januar 1984 im Ludwigshafener Kabelnetz. RTL plus folgte 1985.

Wem gehört das Kabelnetz heute?

Der größte Teil Vodafone, das Kabel Deutschland, Unitymedia und Kabel BW übernommen hat. Dazu kommen PYUR, früher Tele Columbus und primacom, und regionale Betreiber.

Gibt es noch analoges Kabelfernsehen?

Nein. Die Netzbetreiber haben das analoge Signal 2018 und 2019 abgeschaltet. Heute läuft alles digital.

Wird das Kabelfernsehen abgeschaltet?

Ein Termin dafür ist nicht angekündigt. Das Netz wird aber immer stärker fürs Internet genutzt, und Fernsehen kommt zunehmend auch als Stream.