VDSL: Verbraucher wissen nicht, wofür sie High-Speed-Internet brauchen


Einer Infas-Untersuchung zufolge sieht die große Mehrheit der Menschen in Deutschland keinen Bedarf für High-Speed-Internet auf VDSL-Basis. Für Kabelinternet mit noch höheren Bandbreiten dürfte nichts anderes gelten. Die Internetprovider schaffen es bislang nicht, den Zusatznutzen von VDSL gegenüber DSL zu vermitteln. Fernsehen und Internet sind für die Bundesbürger noch getrennte Welten.

Ein Massenprodukt wird High-Speed-Internet auf mittlere Sicht nicht, lautet die zentrale Aussage des infas-Telekommunikationsmonitors. Bei der bundesweiten repräsentativen Untersuchung von infas GmbH und infas Geodaten GmbH wurden in ganz Deutschland Menschen zu verschiedenen Themenfeldern rund um ihr Telekommunikationsverhalten befragt. Für höhere Internetbandbreiten als sie herkömmliche DSL-Anschlüsse ermöglichen (bis zu 16 MBit/s) sehen die wenigsten Konsumenten einen Bedarf. Für das Zusammenwachsen von Internet und Fernsehen kann sich erst eine Minderheit erwärmen.

Die derzeitigen Online-Aktivitäten erfordern zum Großteil tatsächlich keine Internetzugänge mit besonders hohen Bandbreiten. Zum bei den unter 20-Jährigen mit 56 Prozent besonders beliebten täglichen Chatten benötigt man nur minimale Bandbreiten, für das Mailen und Recherchieren (wichtig für ältere Nutzer) reichen ebenfalls DSL-Verbindungen völlig aus. Online-Bankgeschäfte, Social Media und Einkaufen über das Netz erfordern ebenso wenig so hohe Bandbreiten, wie sie VDSL-Anschlüsse und Internet über den Kabelanschluss möglich machen.

Allerdings unterschätzen die meisten Befragten die großen Vorteile von High-Speed-Internet, vermute ich. Bedeutet Chatten nur das abwechselnde Schreiben kurzer Texte, reicht sogar eine analoge Modemverbindung aus. Videochats in Full-HD und vielleicht sogar außerdem in 3D über den Flachbildfernseher hingegen – das ist die Zukunft! – erfordern hohe Bandbreiten. Entsprechendes gilt für das Onlineshopping: Digitale Bücher zu kaufen, wird mit High-Speed-Internet nicht interessanter. Im Touristikbereich dagegen könnte man vor dem Buchen einer Reise das ins Auge gefasste Urlaubsziel virtuell in 3D online erkunden. Außerdem sollte der Trend zum Cloud Computing auf mittlere Sicht nicht unterschätzt werden. DSL-Anschlüsse sind für viele Cloud-Dienste zu langsam.

Naheliegender ist selbstverständlich der erhöhte Bandbreitenbedarf durch mehr Bewegtbildangebote im Internet und durch das Zusammenwachsen von Fernsehen und Internet. Laut infas-Telekommunikationsmonitor laden derzeit aber nur 9 Prozent regelmäßig große Datei (etwa Musikdateien, Filme) herunter. „Auch im Zusammenhang mit internetbasiertem Fernsehen (IPTV) ergeben sich keine deutlichen Potenziale“, heißt es im Pressetext. „Exklusive Sportberichterstattung – ein mögliches Argument für IPTV – erreicht nur eine begrenzte Kundenzahl: Bei den Sportbegeisterten (37 Prozent der Bevölkerung) tritt das Fernsehen mittels High-Speed-Internet in unmittelbare Konkurrenz zu Sky (ehemals Premiere), dem es Marktanteile abnehmen müsste.“ Von den besonders an Sport interessierten Fernsehzuschauern (tägliche Nutzung) verfügt nur jeder vierte über ein Sky-Abo.

Von den 28 Prozent besonders an Spielfilmen interessierten Fernsehzuschauern haben sich zwar nur sieben Prozent für ein Sky-Abo entschieden, doch bloß „etwa 35 Prozent dieser Zielgruppe geben an, öfter im Fernsehen etwas zu verpassen, was sie gerne sehen würden – ein Problem, dass mit virtuellen Videotheken bzw. Mediaportalen via VDSL komfortabel gelöst werden könnte.“ HDTV ist ebenfalls ein starkes Argument für VDSL, aber bislang hat nur etwa die Hälfte der Bundesbürger einen HD-Fernseher. Selbst in Haushalten mit Spielfilmfans stehen oft noch Röhrenfernseher. Hierzu möchte ich entgegnen, dass man den Menschen in Deutschland nun wirklich keine Zurückhaltung beim Kauf von HD-tauglichen Flachbildfernsehern attestieren kann. Die Nachfrage nach großen HD-TV-Geräten ist sehr hoch, viele der neuen Fernseher bieten zudem Internetfunktionen.

Fernsehen und Internet wachsen zusammen, aber die meisten Menschen sind noch nicht so weit: „60 Prozent sehen in Netz und TV zwei unterschiedliche Dinge, die sie vollkommen getrennt voneinander benutzen möchten. Besonders die 30- bis 64-Jährigen können einer Verflechtung wenig abgewinnen. Dabei könnte gerade diese zu neuen Anwendungen führen, die die High-Speed-Verbindung sinnvoll nutzen. 42 Prozent der Bevölkerung finden zudem die meisten Angebote der Telekommunikationsanbieter viel zu kompliziert“, schreiben die Marktforscher.

Meiner Überzeugung nach wird die Fernsehlandschaft sich innerhalb der nächsten zehn Jahre erheblich verändern, dem Modell linearen Fernsehens traue ich keine große Zukunft zu, auch wenn es schon noch Fernsehsender geben wird. Die Telekommunikationsfirmen machen es den Zuschauern allerdings wirklich viel zu schwer. Es sind nicht nur die vielen technischen Möglichkeiten der modernen Telekommunikation, die für Verwirrung sorgen. Viele Anbieter kommunizieren regelmäßig an ihren Zielgruppen vorbei. Nur ein aktuelles Beispiel: Der Verein Deutsche Sprache e.V. (VDS) hat Mitte der Woche einen offenen Brief an den Telekom-Chef René Obermann geschrieben, in dem den Kunden gegenüber verwendete „überflüssige Imponier-Anglizismen“ angeprangert werden.

Die massive Häufung von Begriffen wie Call & Surf Comfort, Combi Relax Friends, Surf Eco Classic und CountryFlat trägt nicht unbedingt zu einem besseren Verständnis auf Kundenseite bei. Die Kunden werden dabei oft noch von einer Tarif- und Optionsvielfalt erschlagen, aus der sich ihnen der eigene Nutzen regelmäßig nicht erschließt. Bei infas geht man davon aus, dass bei den aktuellen Angeboten und Preisen gerade 5 Prozent der Haushalte „zum engeren Kundenpotenzial“ für High-Speed-Internet zählen.

Timeshift und HDTV interessieren bisher nur wenige Fernsehzuschauer, zudem konkurrieren IPTV-Anbieter hier mit Sky und den Kabelnetzbetreibern. Größtes Hindernis sei jedoch die geistige Trennung zwischen Fernsehen und Internet im Bewusstsein der Bevölkerung. Deshalb bestehe bei den wenigsten Menschen der Wunsch nach einem entsprechenden Komplett-Angebot.

Über Oliver Springer 796 Artikel
Seit 2008 bin ich im Hauptberuf Blogger und schreibe für eigene Projekte und im Auftrag zu einer Reihe von Themen, darunter Telekommunikation, Medien, Video-on-Demand, Fernsehen, Kabelanschluss, IPTV, Instant Messaging, Musik und Kaffee. Als Serienfan interessiere ich mich besonders für Onlinevideotheken und Pay-TV. Vor meiner Zeit als Blogger hatte ich 14 Jahre lang als Moderator und Redakteur für den Radiosender JAM FM gearbeitet, wo ich später auch den Internetauftritt betreute.

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